Der Lebenskünstler


Der Lebenskünstler liefert sich keinem Schicksal fraglos aus. Er wird tätig, sein Geschick nimmt er selbst in die Hand. Das Produkt seiner Kunst, seines Schaffens, ist seine Lebensführung.

Universelle Güter, das Absolute, Wahrhafte, das Richtige. Liebe und Glück werden jedoch nicht einfach gefunden. Wie die Liebe muss jeder für sich, sich selbst überlassen, sein Leben pflegen, muss dieses jeden Tag aufs Neue mit Sinn füllen. Inmitten äußerer Zwänge befindet sich der Lebenskünstler auf der Suche nach jener Lebensform eines guten, gelingenden Lebens. Seine Lebensführung gleicht dem Schaffen eines Kunstwerks. Er hat das zufällig Vorhandene zu orten, zu entscheiden, zu gestalten. Er hat das ihm Zuhandene nach von ihm bestimmten besonderen Merkmalen zu organisieren, dem Gestaltlosen eine Form zu verleihen, selbstbestimmt, nach seiner Vorstellung von einem lebenswerten, erfüllenden Leben und dem Gebräuchlichen,  dem Man zu widerstehen, anstatt sich fraglos, ohnmächtig, flüchtigen Vergnügungen auszuliefern.

Die Moral zwingt niemanden zu irgendetwas. Das moralische Handeln erfordert kein Man oder Muss. Eine Voraussetzung moralischen Handelns ist die freie Entscheidung des einzelnen freien Menschen, wie es jedem Einzelnen überlassen bleibt, Verantwortung für sich oder andere zu übernehmen.

Für ein erträgliches, befriedigendes Leben in Würde hat sich der Lebenskünstler einer Menge Aufgaben zu stellen. Doch: Nichts lässt sich mit Gewissheit über die Zukunft sagen, als dass sie anders sein wird als alles bisher Gewesene. Eine Erfolgsgarantie für die richtige Wahl wird es nie geben, die Ungewissheit der richtigen Wahl ihn stets begleiten.

Seit der Antike begleitet das Individuum der Rat, auf die eigene innere Stimme zu hören, den gesunden Menschenverstand in den Grenzen der eigenen Fähigkeiten bzw. Möglichkeiten zu gebrauchen, über die der Einzelne verfügt. Jeder sollte nach Identität streben, nach Authentizität, und sich seines eigenen Verstandes bedienen, autonom und selbstverantwortlich.

Die Welt befindet sich in einem Zustand permanenten Werdens, des Vergehens. Doch: Die unablässige Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit, der Wechsel zwischen Beständigkeit und Unbeständigkeit,  als Folge dieser Umwälzung, die Widersprüche sind eine Bedingung menschlichen Daseins. Für die Kunst, ein unabhängiges, glückliches Leben in Freiheit zu führen, sind sie unverzichtbar. 

Diese Umstände eröffnen der Lebenskunst unzählige Möglichkeiten, aber auch die Sorge, eine Chance zu versäumen. Die Lebenskunst erfordert die ständige Bereitschaft zur Veränderung. Sie verlangt, sich täglich aufs Neue zu vergewissern, sich zu ent- und/oder zu verwerfen. 

Die Befreiung von der Verantwortung für andere, von Verpflichtungen und Bindungen setzt den Lebenskünstler einer Anzahl unendlicher Alternativen aus. Widersprüche begleiten seinen Alltag. Das Ergebnis sind der innere Zwiespalt, kognitive Dissonanz, Zerrissenheit. Egoismus oder Altruismus? Es mangelt an Anleitung, Orientierung, an Wegmarken, Zuverlässigkeit, Wegweisern, an possibilities.

www.eudämonis.de

Norderstedt, Freitag, 12. Juli 2019