Glückstagebuch – Teddy

 

Teddy

Teddy? Den haben Sie vor einigen Monaten im Keller verklappt. Der arbeitet jetzt in der Poststelle. Bei Bedarf hilft er auch in der Druckerei aus.

Selbst behauptet er immer: Er arbeite in der Registratur. Das ist natürlich Unsinn. In dem Keller unserer Firma gibt es keine Registratur. Die Aktenhaltung ist mehr oder weniger papierlos. Und die wenigen Akten gehen zur Lagerung in die Registratur der Zentrale.

Teddy macht sich einen Spaß daraus: Wie in einem alten amerikanischen Film trägt er jetzt auf dem Kopf immer eine schwarze offene Schirmmütze, helle Hemden, schwarze seidene Ärmelschoner und einen angekauten Bleistift hinterm Ohr. Nur ist er kein Zeitungssetzer. Er sortiert die Post, bedient Laserdrucker, stapelt und bindet Kopien.

Selbst möchte er Smitty genannt werden, stellt sich Fremden auch als Smitty vor, weswegen ich häufig schmunzel. Der Bezeichnung Poststelle auf dem Schild an der Tür fügte er ein Shutter Island hinzu.

Teddy mangelt es nicht an Witz, an einer gehörigen Portion Selbstironie. Merkwürdigerweise fällt es ihm nicht schwer, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Das wiederum erinnert mich an Thomas, den Protagonisten aus dem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera.

Ursprünglich trug Teddy während seiner Arbeitszeit einen Anzug, Hemd und Krawatte. Er war in der Entwicklung beschäftigt. Dort war seine gesamte Kreativität gefragt, bis ihm ein neuer Chef vor die Nase gesetzt wurde. Dieser schätzte weder die Kreativität seiner Mitarbeiter noch war er bereit, Persönlichkeitsteile wie Freiheit oder Lebensfreude, Zufriedenheit und Wertschätzung zu fördern.

“Das ist ein Witz!”, erklärte Teddy. Er empörte sich: “Wie soll die Entwicklung etwas entwickeln, ohne kreativ sein zu dürfen?” – Das war aber die neue Firmenstrategie. Teddy kostete es seinen Kopf. Seinen Job in der Entwicklung war er wenige Tage später los.

Die Arbeit im Keller macht die Leute krank. Dort mangelt es an Tageslicht, an goods. Und da den Kollegen in der Poststelle wegen Krankheit nach einer gewissen Zeit gekündigt wird, fand man für Teddy schnell eine neue Verwendung.

Beinahe täglich besuche ich meinen Freund für eine Kaffeepause im Keller. Dort steht seine sagenhafte Kaffeemaschine, die er sich ursprünglich für seine Arbeit in der Entwicklung gekauft hatte. Wir sitzen dort zusammen und klönen.

Dort im Keller erfahre ich einiges, das ich für meinen Blog verwende. – Der Rückzug in den Keller? Ein Refugium? – Teddy erfährt dort unten einige Geschichten, die sich in der Firma ereignen. Ob beruflich oder privat: Im Verlauf eines Arbeitstages verirrt sich so mancher in die Poststelle, um dort seinen sagenhaften Kaffee zu kosten. So mancher vertrödelt dort seine wertvolle Arbeitskraft. Das jedoch kümmert uns nicht mehr. Dort im Keller entstand der zündende Gedanke für meinen Blog.

Fortsetzung folgt.

http://eudämonis.de/index.html

Norderstedt, Samstag, 20. Oktober 2017