Glückstagebuch – Teddy

 

Teddy

Heute in der Frühstückspause reichte Teddy mir einen Zettel. Ich saß bei ihm unten in der Poststelle auf Shutter Island und trank einen Schluck seines köstlich zubereiteten Kaffees.

Stimmungsbarometer:

moods: schlecht, niedergeschlagen.
goods: Kaffee, Besuch.
goodparts: Kontakt.
bads: Arbeit.
badparts: Unfreiheit, Unsicherheit, Ausgrenzung, Alleinsein, Mißmut, Demut, Stillstand, Gleichgültigkeit, Unzufriedenheit, Sehnsucht, Feindseligkeit, Resignation, Mangel an Resonanz, Einfalt, Unmenschlichkeit.
possibilities: ?

Ich betrachtete die Anzahl der badparts. Ich wusste: Teddy hatte einen Tiefpunkt erreicht. Verzweifelt blickte er mich an. Kraftlos. Ich erschrak. Er wusste sich keinen Ausweg.

Hatte ich vor wenigen Tagen noch den Eindruck gehabt, Teddy sei Herr seiner Lage, folgte heute die Ernüchterung. Gleich einem Kassiber spielte er mir am Morgen eine Nachricht mit meiner Post zu: Brauche Hilfe! – Zunächst hielt ich die Nachricht für einen seiner Scherze, wenig später jedoch regte sich bei mir Sorge. Ich verabschiedete mich in den Keller zum Kaffeetrinken und eilte das Treppenhaus hinunter in die Dunkelheit.

Die Arbeit hatte für Teddy stets einen hohen Stellenwert gehabt.

Die goodparts: Freiheit, Sicherheit, Kontakt, Lebensfreude, Würde, Fortschritt, Lebenssinn, Zufriedenheit, Harmonie, Motivation, Anerkennung, Kreativität, Mitmenschlichkeit.

Es war gut gelaufen: Teddy hatte seine Ideen kreativ entfalten können. Er hatte ungeachtet der wenigen Vorgaben selbstbestimmt gearbeitet, hatte die Gemeinschaft in der Abteilung genossen. Er war stolz auf seine Ergebnisse gewesen. Produkte aus eigener Hand. Er hatte sich mit jedem Projekt weiter entwickelt. Stück für Stück. Seine Arbeit hatte Sinn gemacht. Er war zufrieden gewesen und hatte über die notwendige Kraft verfügt, seine Ziele zu verfolgen. Aus der Wertschätzung hatte er stets die Energie geschöpft, sich für neue Ziele zu engagieren. An Resonanz hatte es ihm nicht gemangelt. Kurzum: Viele seiner Persönlichkeitsteile waren zufrieden gestellt.

Und dann? Sein Rausschmiss!

Ich bin immer wieder erstaunt, welch großen Stellenwert die Arbeit bei einigen Menschen im Alltag, im Glücksempfinden tatsächlich einnimmt. Das Privatleben, die Familie sollten im Zweifel den größeren Stellenwert einnehmen. Das jedoch ist offenbar nicht immer der Fall.

Die Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist ein nicht unwesentlicher Faktor, der zum Glück eines Einzelnen seinen Beitrag leistet. In Anbetracht des Umstandes, wie viele good- oder badparts die Arbeits- un/zufriedenheit begleiten, jedoch auch keine Überraschung. Arbeitslosigkeit kann die Ursache für  Depressionen sein. Natürlich auch eine parmanente Frustration am Arbeitsplatz. Teddy jedenfalls … – Ich meinte, einem vollkommen anderen Menschen gegenüber zu sitzen. Er wirkte auf mich wie ausgewechselt. Ich bildete mir ein, dass ein feindlicher Virus in sein Gehirn eingedrungen sei, der seinen Stoffwechsel in ein schwer zu kontrollierendes Chaos verwandelt hätte.

Mit seinem Rausschmiss verkehrten sich die goodparts, die zum Gelingen seines Alltags, zu seinem Glück beigetragen hatten, in ihr Gegenteil. Gegen die badparts aber wusste Teddy sich nicht zur Wehr zu setzen. Er wusste sich keinen Rat. Er verfügte über keine Bewältigungsstrategie, no possibilities, die badparts zu entmachten und das Chaos in seinem Kopf zu bändigen.

http://eudämonis.de/index.html

Norderstedt, Dienstag, 07. November 2017