Parsifal – ein Rückblick


Der Sonntag am 28.04.2019 war ein glücklicher Tag. Mehr ein glücklicher Nachmittag oder Abend. Kein Wenn, kein Aber.

Auf dem Programm der Hamburgischen Staatsoper stand der Parsifal von Richard Wagner. Beginn: 17.00 Uhr, das Ende: ca. 22.00 Uhr. Drei Aufzüge, zwei Pausen, etwa vier Stunden Musik. Das weckt nicht bei jedem Glücksgefühle, bei einigen sogar Grauen, nachvollziehbar. Umso schwieriger mag es da für den ein oder anderen zu verstehen sein, dass ich mich nicht eine Minute langweilte. Schier unglaublich, aber wahr. Das hatte selbst ich nicht für möglich gehalten. Längen gibt es immer, Passagen, die sich ziehen. Die Musik aber war phantastisch, überwältigend. Die Inszenierung: modern, abstrakt, voll Bilder und Symbole, phantasievoll, gewagt, konsequent, textnah. Das Kosmische, das der Musik Wagners innewohnt, hatte ich in diesem Maße bisher nicht vernommen, wohl aber die Nähe zur symphonischen Musik Gustav Mahlers herausgehört. Das Bühnenbild unterstützte diesen Eindruck. Der Gesang war großartig, das Orchester phänomenal, der Dirigent am Pult: Kent Nagano, für die Stadt eine Bereicherung, für mich ein Segen. Eine großartige Vorstellung, ein wahrhaft phantastischer Abend.

Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich mit achtzehn Jahren meine ersten Opern besuchte. Es begann mit dem Tannhäuser in Hamburg, in Hannover folgte: Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann. Don Giovanni, Die Tote Stadt von Korngold, Tristan und Isolde in Wien. Während meiner Wehrdienstzeit im Jahre 1990/91 sah ich in Hannover den Parsifal zum ersten und vorerst letzten Mal. Die Inszenierung von Robert Wilson an der Hamburgischen Staatsoper hinterließ bei mir einen irgendwie abschreckenden Eindruck. Mit Sicherheit zu unrecht, aus heutiger Sicht: ein Drama. Achtundzwanzig Jahre sollte es dauern, bis ich diese Oper, dieses möglicherweise persönlichste Werk Wagners, ein Vermächtnis, erneut in Angriff nehmen sollte. Die achtundzwanzig Jahre dazwischen füllten unzählige Opern meine Abende, Ausflüge in die Hamburgische Staatsoper. Die italienische Oper, Wagner, Berg, Mussorgsky, Pucchini, Fauré, immer wieder Wagner, Mozart. Ich entdeckte das Ballett für mich, die 3., 4., 5. und neunte Symphonie von Mahler in den Choreografien von John Neumeier. Die Lied der Erde, Nijinsky, die Artus-Sage, der Schwanensee, der Sommernachtstraum … – Ich würde lügen, sagte ich, dass die Musik auf meine Literatur keinen Einfluss genommen habe. Pelleas et Melisande, der Ring, die Scheherazade von Rimsky-Korsakow, Ligeti, Beethoven, die Pastorale, ein kurzer Blick tief in meine Trickkiste. Und dann am 28.04.2019: eine Offenbarung. Die Aufführung: Weltklasse.

Darüber hinaus aber hatte ich an jenem Abend das seltene Glück, mit einem weiteren Besucher ins Gespräch zu kommen. Ein Zufall, eine Seltenheit. Das Besondere: Dieser Mensch teilte meine Begeisterung uneingeschränkt. Ein Moment, den ich nicht vergessen werde. Mit diesem Menschen stehe ich über die sozialen Medien noch heute in Kontakt. Der aufmerksame Leser weiß, wen ich dort traf.

Abende dieser Art sind für mich ausZeiten, aus der einen Zeit, dem Alltag, hinaus in eine andere, zweite Zeit, abseits der Gewohnheit, über die gewöhnlichen Sorgen hinaus. Die Staatsoper für mich: ein Rückzugsort und Refugium. Selbstverstanden, ohne die Not einer Erklärung, beiMir. Glückliche Stunden, glückliche Momente.

Foto: Erwin Altmeier – www.erwinaltmeier.com

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Norderstedt, Freitag, 07. Juni 2019