Sisyphos


…, der gewinnsüchtigste der Menschen. Er galt als verschlagen und schlecht. Für seinen Verrat der Götter und dafür, dass er den Tod auf listige Weise in Ketten legte, wurde er bestraft. Ewig hatte er einen Felsblock einen hohen Berg hinaufzuwälzen, der – sobald er den Gipfel erreichte – den Berg wieder hinabrollte.

Ein Rebell? Ein Held? Nutzlose Mühsal bestimmten fortan sein Leben. So scheint es auf den ersten Blick.

Ich vermute eine Vielzahl an Deutungsversuchen dieses Mythos. Bei einem handelt es sich um den von Albert Camus, der erklärte, Sisyphos sich als einen glücklichen Menschen vorstellen zu müssen, glücklich, weil er wider aller Drohungen den Göttern trotzte, den Tod entmachtete und sich trotz aller Strafe mit seiner ganzen Liebe dem Leben zuwandte. 

Sisyphos lieferte sich keinem Schicksal aus. Er traf eine Wahl. Das macht ihn zum Menschen. Hierin besteht seine Würde. Er griff nicht – geblendet von falschen Versprechen – nach der Unsterblichkeit, noch bestand seine Absicht darin, ein Vermächtnis zu hinterlassen. Statt dessen stemmte er sich mit aller Kraft gegen den althergebrachten Grundsatz fraglos akzeptierter Autorität, tief verborgen unter der Illusion, dem Schafspelz, der in Aussicht gestellten Schau universeller Werte, der Allwissenheit. Die Strafe für seine Aufruhr, seinen klaren, wenig kulinarischen Blick auf die Dinge: die Mühsal, der Zweifel, ein Leben in Gegenwärtigkeit, ohne auch nur den geringsten Wert zu schaffen.

Sich seiner wahren Stellung in der Welt bewusst zu sein, das Leben mit klarer Sicht, ohne eine Illusion auszuhalten, erfordert Mut. Die niemals in Gänze aufzulösende Spannung des Bedürfnisses nach Klarheit, Ganzheit, das unermüdliche Streben, aber auch die Enttäuschung bestimmen das Wesen menschlicher Existenz. Dennoch: Niemand sollte sich entmutigen lassen.

Sicher: Während seines Abstiegs wird Sisyphos die Ausweglosigkeit seiner Situation immer wieder ins Bewusstsein gerufen. Sein Bewusstsein hierüber jedoch nimmt dem Schicksal seine Macht. Die Akzeptanz seiner Ausweglosigkeit verschafft ihm einen Sieg, ein Glück.

Ein weiterer Sieg, der besteht im Erfolg – und das sage ich, ohne die Mühsal respektlos erscheinen lassen zu wollen: Der Alltag hält Augenblicke, Phasen bereit, die dem Einzelnen einige Mühe abverlangen. Ja, entbehrungsreiche Momente ohne Aussicht auf ein Ende. Ereignisse, die manch einen an den Abgrund der Verzweiflung treiben. Wiederum gibt es Momente der Ruhe, der Erholung, der Lohn für all die Mühsal. Dies sind die Momente, sobald der Felsblock den Berg hinabrollt und der Geplagte den Berg hinabsteigt. Diese Momente gilt es zu genießen, den Abstieg, und das ohne die geringste Spur eines schlechten Gewissens.

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Norderstedt, Freitag, 28. Juni 2019