Stille – ein Geschwätz


Heute einige persönliche Worte, Eindrücke, ein innerer Monolog meiner Wahrnehmung, niedergeschrieben, wie die Kuh Milch gibt. 

Ich schwatze: “Kaum etwas ist dem Menschen, dem Individuum (…) mehr zu eigen als seine Unterschiedlichkeit”, schrieb ich 2017 in Lena van de Velde. – Trotz dieser Überzeugung ertappe ich mich regelmäßig dabei zu kategorisieren, über Mitmenschen wider ihrer Unendlichkeit, ihrer nie in Gänze zu beschreibenden Persönlichkeit zu urteilen, sie zu verurteilen. 

Mein Leben, meine Erinnerungen, unzählige Episoden, aneinandergereiht, eingebettet in meine Entwicklung, meine ganz eigene Geschichte unter dem Einfluss meiner Mitmenschen, meinem häuslichen, schulischen, beruflichen Umfeld. Unzählige Gedanken, Abwägungen, Beurteilungen. Und nicht nur das. Neuronale Netzwerke werden – wie inzwischen erforscht wurde – über bis zu drei Generationen vererbt. Traumata, Ängste, Nöte, die nicht meine sind. Wie in Stein gemeißelt, nehmen diese Einfluss auf mein Leben, führen zu einem mir nicht nachvollziehbaren Verhalten. Es mangelt an Erklärung. Die Erkenntnisse zur Epigenetik lassen einige Theorien einstürzen.

Vor dem Horizont der Unmöglichkeit, mich, meine eigene Unendlichkeit zu begreifen: Wie könnte es mir je möglich sein, mein Gegenüber zu begreifen? Ich mir anmaßen, irgendjemanden zu kennen, zu verstehen? Ein abschließendes Urteil über ihn zu fällen? All dies scheitert, scheitert notwendig vor dem sich mir stets mit jedem Fortschreiten entziehenden, nach hinten rückenden Horizont. Erkenntnis? Nicht möglich. In welchem Sinne?

Auf diese Weise in etwa scheitert die Philosophie des Abendlandes in Teilen, scheitert der Idealismus mit seinen unermüdlichen Mühen, alles Verstehen von Grund auf zu konstruieren. Seine Gewerke: die Wahrheit, Erkenntnis, das Gute, die Schönheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Zerfallen in die unendliche Anzahl an Möglichkeiten, hinterlässt das Relativieren einen Scherbenhaufen. Das könnte man meinen. – Keine Orientierung, keine Grenzen, keine Werte, der Aufschrei, Schritte in die Leere. – Ganz so aber verhält es sich nicht. 

Die Erkenntnis von der Unmöglichkeit, die Welt – eingefasst in eine Hülle weniger Worte – auf das Notwendigste zusammenzupferchen, erfordert notwendig das Losreißen vom Festhalten am Streben nach Idealen.

Vor dem Horizont der Unendlichkeit aber: Wie habe ich einem anderen Menschen in seiner Andersheit zu begegnen? Über welche Möglichkeiten verfüge ich? Was ist gewollt? – In Kenntnis meiner Unwissenheit: Welche Anforderungen werden an das intersubjektive Handeln gerichtet? Welche Herausforderung bedeutet dies für eine Weltgemeinschaft, bunt, mannigfaltig, wie jede Nation ausgestattet ist mit einem ihm eigenen kollektiven Bewusstsein. Welche Mehrheit einigt sich unter Bedingungen solcher Art auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Wie funktioniert die Gleichverteilung? – Entgrenzung und Begrenzung, der goldene Mittelweg. 

Es bedarf eines Paradigmenwechsels, eines Losreißens, die Welt anders zu denken.

Fortsetzung folgt 

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Norderstedt, Freitag, 25. Juli 2019