Über das Glück – Lena van de Velde

 

Exkurs: das Glück

Die Behauptung: Jeder Mensch kann zu jeder Zeit an jedem Ort glücklich sein, entpuppt sich als ein Windei. Mehr noch: Für meinen Geschmack schwingt in dieser Allgemeingültigkeit fürchterliche Dummheit, Ignoranz, Zynismus. Denn: Es gibt keine Regel ohne zumindest eine Ausnahme!

In diesem Zusammenhang greife ich auf eine Passage aus meinem Roman “Lena van de Velde” zurück. Nicht um für das Buch zu werben, sondern um auf den Umstand hinzuweisen, mich mit dem Thema Glück in der Vergangenheit bereits auseinandergesetzt zu haben.

Zitat: Der Mensch, das Individuum, erklärte uns mein Lehrer in Philosophie während der letzten Wochen in der Schule, verfügt im Rahmen seiner Möglichkeiten über die Freiheit der Wahl, sich mit Ja oder Nein für oder gegen etwas zu entscheiden. Er allein sieht sich imstande, die Verantwortung für sein Gelingen zu übernehmen. Ihr werdet Menschen begegnen, die von der Gabe ihrer Freiheit keinen Gebrauch machen werden, Menschen, die ihren Platz, ihre Nische nicht finden, Menschen, die überzeugt sein werden, gescheitert zu sein. Ihre Wünsche erfüllen sich nicht, ihre Erwartungen knüpfen sie an unzureichende Voraussetzungen. Der Blick nach Innen gebärt die Wende, die Kehre, sein Leben von Grund auf neu zu erfahren, die Entschlossenheit, eine weitere Richtung einzuschlagen und anderes von sich in sein Leben zu tragen. (…) Über welche Bedingungen aber, denke ich, verfügt der Einzelne tatsächlich, seine Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen?

Der Zynismus, der in der Erklärung dieses Lehrenden mitschwang, wurde mir erst in einem Gespräch mit Lena bewusst. Hätte er gesagt: Es gibt Menschen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten über die Freiheit der Wahl verfügen, könnte ich mit dieser Einschränkung heute überzeugter leben. Dass seine geäußerte Grundsätzlichkeit jedoch ausnahmslos auf alle Menschen anzuwenden ist, dem kann ich heute nicht mehr ohne Widerspruch zustimmen. Das Leben an sich erschöpft sich nicht in allgemeiner Gültigkeit. – „Ja“, stimmt Lena mir zu. „Ich kann mein Leben wählen. Du gewiss auch, stammen wir beide aus wohlhabenden Verhältnissen. Ich zumindest verfüge über phantastische Voraussetzungen, mich im Kaufhaus der unendlich vielen Möglichkeiten zu bedienen. Eine Entscheidung dürfte mir aus der Sicht Außenstehender nicht schwerfallen. Ganz so ist das aber nicht. – (…) Ich aber verspotte die Menschen nicht für ihr Scheitern, für ihre Unfähigkeit, ihr Leben wahrhaft zu wählen, mit Bedacht; ganz im Gegenteil: Ohne einen Halt irren sie ziellos durch die Leere. Misstrauen und Feindseligkeit trüben zeitweilig ihre Wahrnehmung. Der Welt abhanden, fühlen sie sich gleich einem Niemand, noch gelingt es dem Grübelnden nicht, seinem Leben einen Sinn abzugewinnen. Anstatt der Außergewöhnlichkeit und Offenheit mit Freude zu begegnen, verstrickt er sich auf der Suche nach einem Urgrund, der Erkenntnis einer ewig währenden Wahrheit. Wer aber gibt Antwort? Wer? Wo findet sich der Beginn, das Warum dem Schweigen zu übereignen? Der Grübelnde verläuft sich auf einen Abweg. Einer Antwort stehen neue Fragen ins Haus. Das ist das Fortschreiten, die Entwicklung. Anstatt diese Notwendigkeit jedoch zu akzeptieren, entreißt er das Problem dem Kreislauf der Wiederkehr und begibt sich auf den Irrweg der Allgemeingültigkeit. Der Anblick dieser Menschen macht mich betroffen, sehe ich diese hilflos ihrer Ohnmacht ausgeliefert, die tief unter ihnen klaffende Schlucht zu ihrem Seinkönnen nicht überwinden zu können.“

Sollte ich mich irren, schreibt mir! Widersprecht! Fasst das Glück in wenige Worte!

Ich bin gespannt.

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Norderstedt, Mittwoch, 25. Oktober 2017